Wie wir Menschen „ticken“ – unsere Grundbedürfnisse

Teil 1 – Was eine aufgeregte Nachbarin über mein Gehirn verrät

Das SCARF-Modell als psychologisches Modell kann relativ abstrakt erscheinen. Ich möchte dir von einem Erlebnis berichten, in dem es sehr praktisch spürbar wurde.

Kurz vor dem Umzug in unser damaliges Haus hatten mein Mann und ich ein ungewöhnliches Erlebnis:  Etwa zwei Wochen vor der Schlüsselübergabe waren wir für ein paar letzte Absprachen mit dem Makler verabredet, standen vor dem Haus und warteten auf ihn. Auf einmal sprach uns eine aufgeregte Nachbarin an, die wir bis dahin noch nicht kennengelernt hatten. Sie schimpfte laut, dass von einem „unserer“ Bäume schon vor einer Weile ein Ast abgebrochen sei und ihre Terrasse verschandele. Wir sollten nun endlich kommen und diesen Ast entfernen!

Unwillkürlich bekam ich Herzklopfen und ein unangenehmes Gefühl erfasste mich.

Vielleicht wäre es dir in der Situation ähnlich ergangen?

Unabhängig von der Nachbarin möchte ich heute den Fokus darauf legen, was sich in der Situation in meinem Gehirn abgespielt hat, genauer gesagt im limbischen System. Dies ist ein neuronales Netzwerk, das evolutionär gesehen nicht weniger als das Überleben unserer Spezies gesichert hat.

Foto eines Modells des limbischen Systems, aufgenommen im Senckenbergmuseum Frankfurt, Bildrechte bei Tina Fincke
Modell eines limbischen Systems, Bildrechte: Tina Fincke

Was macht das limbische System so besonders? Unter anderem scannt es permanent alle unsere Sinneseindrücke und entscheidet binnen Millisekunden, ob etwas eine Gefahr darstellt oder ob wir sicher sind. Zum Glück sind wir modernen Menschen in sicheren Ländern nur selten echten Gefahren ausgesetzt. Unser Gehirn reagiert jedoch noch genauso wie vor Urzeiten, selbst wenn, wie bei meinem Erlebnis, der verbale Angriff natürlich in keinster Weise wirklich bedrohlich war.

Das SCARF-Modell

Nun ist es so, dass jede*r von uns zentrale soziale Grundbedürfnisse hat. Wenn diese unter Druck geraten, interpretiert unser Gehirn die jeweilige Situation genauso als Gefahr wie den sprichwörtlichen Säbelzahntiger zu Zeiten unserer Vorfahren (ganz unabhängig von einer realen Gefahr).

Der Unternehmensberater David Rock hat diese Grundbedürfnisse 2008 in seinem SCARF-Modell beschrieben. Es handelt sich um ein Akronym für die englischen Begriffe

  • Status – im Sinne von Anerkennung
  • Certainty – auf Deutsch Sicherheit oder Gewissheit, was auf mich zukommt
  • Autonomy –Eigenständigkeit, Autonomie
  • Relatedness – Verbundenheit mit anderen Menschen
  • Fairness.

Im besten Falle sind alle diese Bedürfnisse ausreichend erfüllt, dann fühlen wir uns wohl, sind leistungsfähig, kontaktfreudig und kreativ. Wenn hingegen einzelne oder gar mehrere dieser Bedürfnisse bedroht sind, können wir in Stress geraten.

Was hat das nun mit dem Erlebnis bei der Schlüsselübergabe zu tun? Die unangenehme Ansprache der Nachbarin hat bei mir gleich mehrere Bedürfnisse in Schieflage gebracht. Denn natürlich hatte ich mir den Start im neuen Zuhause anders vorgestellt. Beispielsweise wollte ich

  • eine gute Beziehung zur Nachbarschaft aufbauen und nicht gleich in einen Konflikt geraten (Relatedness),
  • als neu Zugezogene auch von den alteingesessenen Bewohnern des Viertels anerkannt werden (Status),
  • nicht durch unvorhergesehene Spontanaktionen wie einen Baumschnitt mein Wochenende umplanen (Certainty und Autonomy)
  • und nicht zuletzt nicht für etwas verantwortlich gemacht werden, das zu einer Zeit geschehen war, als die Verantwortung für das Grundstück noch beim Vorbesitzer lag (Fairness).

Die Situation hatte somit in kürzester Zeit sämtliche fünf Grundbedürfnisse in Aufruhr versetzt. Mein Nervensystem reagierte wie im Lehrbuch: Herzklopfen, flache Atmung, verkrampfte Muskulatur usw., die typischen körperlichen Reaktionen bei Stress.

Zum Glück gelang es uns damals, die Situation zu entschärfen. Für den Baum wurde auch eine Lösung gefunden. Heute kann ich der Nachbarin dankbar sein, dass ich nun immer ein wunderbares Beispiel zur Verfügung habe, um das SCARF-Modell zu erklären. 😉

In Kürze schreibe ich darüber, wie wir uns das Modell im Alltag zunutze machen können. Ich freue mich, wenn du dann auch wieder mit dabei bist!

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Kommentare

Ein Kommentar zu „Wie wir Menschen „ticken“ – unsere Grundbedürfnisse“

  1. […] letzten Blog-Beitrag habe ich dir das SCARF-Modell schon vorgestellt. Nun zeige ich an ein paar Beispielen, wie uns das Wissen um dieses Modell im […]