Wie uns das Wissen um unsere Grundbedürfnisse im Alltag helfen kann
Im letzten Blog-Beitrag habe ich dir das SCARF-Modell schon vorgestellt. Nun zeige ich an ein paar Beispielen, wie uns das Wissen um dieses Modell und unsere neurobiologischen Grundbedürfnisse im Alltag nutzen kann.
Erinnern wir uns an die 5 Grundbedürfnisse: Anerkennung, Gewissheit, Autonomie, Verbundenheit und Fairness. Im Prinzip kannst du in jeder stressigen Situation (oder danach, wenn der akute Stress abgeklungen ist) einmal gedanklich durch diese Bedürfnisse hindurchwandern und überlegen, welche davon gerade in Aufruhr geraten sind. Hier ein paar Beispiele:
- Hast du ein Projekt erfolgreich abgeschlossen, aber deine Kolleginnen haben die Lorbeeren geerntet? Dann könnte verständlicherweise dein Status-Bedürfnis unter Druck geraten sein.
- Steht dir beruflich eine Transformation bevor? In so einer Situation ist es vollkommen natürlich, dass dein Bedürfnis nach Gewissheit sich bedroht fühlt.
- Betreibt deine Chefin Mikromanagement? Kein Wunder, falls dir Autonomie fehlt.
- Gehen deine Freunde am Samstag etwas trinken und haben vergessen dir Bescheid zu sagen? Vermutlich wird dein Bedürfnis nach Zugehörigkeit leiden.
- Wurdest du oder jemand anderes bei der letzten Gehaltsrunde ungerecht behandelt? Das kann dein Bedürfnis nach Fairness auf den Plan rufen.
Doch es sind nicht nur die großen Stressfaktoren, die die Alarmanlage in unserem limbischen System aktivieren. Schon Kleinigkeiten wie ein schiefer Blick, eine Frage, die wir in den falschen Hals bekommen oder ähnliches können unsere Bedürfnisse kurzzeitig in Turbulenzen versetzen.
Die gute Nachricht ist: Mit diesem Modell haben wir auch ein Tool zur Hand, um unseren Stress wiederzu reduzieren.
Wenn ich weiß, welches Bedürfnis ich habe, kann ich viel aktiver dafür sorgen, dass es erfüllt wird. Natürlich ist es nicht immer einfach, aber ein Verständnis, was mit mir los ist, ist der erste Schritt zur Verbesserung der Situation.
Schauen wir noch einmal auf das Beispiel berufliche Transformation. Vieles ändert sich und mein Bedürfnis nach Gewissheit steht Kopf. In einer solchen Situation kann es helfen, ganz gezielt nach Aspekten zu suchen, die mir Sicherheit und Planbarkeit vermitteln.
Was bleibt trotz Veränderung stabil? Woran kann ich mich orientieren? Welche anderen Hebel kann ich einsetzen, um mich besser zu fühlen? Beispielsweise ist es meistens so, dass Teams, die eine gute Verbundenheit haben, deutlich besser und stressfreier durch Veränderungen hindurchkommen, als solche mit einem geringeren Wir-Gefühl.
Dieser letzte Aspekt ist interessant. Es ist nämlich so, dass Stress, der durch die Bedrohung einzelner Grundbedürfnisse ausgelöst wird, durch die Erfüllung anderer Grundbedürfnisse abgebaut werden kann. Ein Beispiel für die Wechselwirkung zwischen Gewissheit und Verbundenheit haben wir eben gesehen. Genauso kann sich auch eine vermehrte Autonomie positiv auf die Bedrohung des Sicherheitsbedürfnisses auswirken – eine Veränderung, in der ich aktiv mitgestalten kann, ist viel besser auszuhalten als eine, der ich mehr oder weniger ausgeliefert bin.
Es gibt also durchaus Möglichkeiten, aktiv etwas für die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse zu tun. Und das zu tun, schenkt uns auch gleich wieder einen Booster für unsere Autonomie und etwas mehr Resilienz für unsere Alarmanlage im limbischen System.
Apropos Alarmanlage … in einem der nächsten Beiträge schauen wir, wie wir diese auch noch mit einem anderen Ansatz beruhigen können.
Für heute sind wir am Ende angekommen. Ich hoffe, du hast interessante Einblicke gewonnen. Bis zum nächsten Mal!

